
In einer multipolaren Welt müssen Unternehmen lernen, Wirtschaft nicht nur als Markt, sondern als Raum von Macht, Abhängigkeit und strategischer Handlungsfähigkeit zu lesen.
Im Mai wird die Star Alliance gegründet. Sie steht wie kaume twas anderes für das Selbstverständnis einer Zeit, in der Globalisierung als Vernetzung, Arbeitsteilung und Effizienzgewinn gelesen wird. Fluggesellschaften schließen sich zusammen, verbinden ihre Netze, verdichten ihre Reichweite und geben damit einer Welt Gestalt, in der Verflechtung als Fortschritt erscheint.
Im selben Jahr geschieht in Paris etwas ganz anderes.Christian Harbulot gründet gemeinsam mit General Jean Pichot-Duclos die Écolede Guerre Économique; in zeitgenössischen und späteren Darstellungen wird auch Benoît de Saint-Sernin als Mitgründer beziehungsweise als an der Gründungsphase beteiligt genannt. Diese Schule entsteht im Anschluss an die französischen Debatten um intelligence économique und in der Nachfolge der Martre-Kommission. Sie will wirtschaftliche Konfrontation nicht nur staatlich, militärisch oder geheim dienstlich lesen, sondern als ziviles Feld strategischer Auseinandersetzungen begreifen. Das ist ihr eigentlicher Bruch. Ein Bruch mit einer Lesart, die Wirtschaftskrieg nur aus der Perspektive von Staaten betrachtet und nicht aus der Perspektive ziviler Akteure und Organisationen.
Allein diese zeitliche Parallele ist aufschlussreich. Hier eine Allianz, die auf ökonomische Vernetzung setzt. Dort eine Schule, die offenvon „Wirtschaftskrieg“ spricht. Hier die Hoffnung, dass dichte Verflechtung Frieden, Wohlstand und Stabilität erzeugt. Dort die Einsicht, dass dieselbe Verflechtung auch Abhängigkeiten, Einflusszonen und neue Formen der Schwächung hervorbringt.
Heute wirkt diese Spannung nicht mehr theoretisch. Die aktuelle Krise um die Straße von Hormus, die Warnungen europäischer Airlines und Flughäfen vor Kerosinknappheit und die Sorge vor erneuten Störungen globaler Lieferketten zeigen, wie schnell aus Vernetzung Verwundbarkeit werden kann.
Genau hier wird Christian Harbulot interessant. Nicht deshalb, weil er mit dem Wort Wirtschaftskrieg provoziert. Sondern weil er auf etwas hinweist, das in Deutschland lange semantisch entschärft wurde. Wirtschaft ist nicht nur ein Raum des Tauschs, der Effizienz und desWettbewerbs. Sie ist auch ein Raum von Macht, Einfluss, Abhängigkeit, Destabilisierung und möglicher Zerstörung.
Wenn Harbulot von Wirtschaftskrieg spricht, meint er nicht einfach Kriegswirtschaft. Kriegswirtschaft ist eine Wirtschaftsform, die sich dem Krieg eines Staates dienlich macht und daraus ihre Funktion bezieht. Harbulot meint etwas anderes. Er meint nicht nur Sanktionen, Embargos oder die offen sichtbare Eskalation zwischen Staaten. In einem Interview beschreibt er wirtschaftliche Konfrontation als historischen Normalfall. Menschen und Gemeinwesen haben sich nie nur durch Austausch zueinander verhalten, sondern auch durch Aneignung, Rivalität, Kontrolle von Reichtum, Handelswegen und Produktionsmöglichkeiten. Für ihn ist wirtschaftliche Auseinandersetzung deshalb keine pathologische Ausnahme der Moderne, sondern eine Konstante politischer Geschichte. Rom und Karthago stehen dafür ebenso wie spätere Handels- und Imperienkonflikte. Der militärische Konflikt erscheint in dieser Lesart oft nicht als Ursprung, sondern als Zuspitzung ökonomischer Rivalität.
Zugleich weist Harbulot auf eine moderne Verschiebung hin,die besonders wichtig ist. Die stärksten Akteure erscheinen heute oft nicht als Angreifer, sondern als Ermöglicher, Fortschrittshelfer oder Humanisten. Die neuen Angreifer erscheinen als Begleiter des Fortschritts, als Problemlöser, als facilitators. Gerade darin liegt ihre Stärke. Macht tritt nicht mehr notwendig als Macht auf. Sie tarnt sich als Hilfe, Lösung oder Innovation.
Für Unternehmen folgt daraus eine neue Anforderung. Sie müssen lernen, unterhalb der Oberfläche zu lesen. Nicht nur: Was wird angeboten? Sondern auch: Welche Abhängigkeit, welche Deutungsmacht, welche langfristige Bindung entsteht hier?
Hinzu kommt eine zweite Verschiebung, die Harbulot besonders betont. Macht wird im immateriellen Raum schwerer sichtbar. Gerade dort, wo Plattformen, Daten, Standards, digitale Infrastrukturen und neue Gewohnheiten entstehen, wirkt Macht nicht offen, sondern eingebettet in Nutzung, Komfort und technische Selbstverständlichkeit. Das macht sie schwerer lesbar. Harbulot spricht in diesem Zusammenhang von einer „zweiten Welt“, vom immateriellen Raum, in dem Abhängigkeiten anders entstehen und sich gerade deshalb tiefer festsetzen können.
Das zeigt sich für ihn vor allem in drei Punkten:
Wer an dieser Stelle nur defensiv denkt, schützt unter Umständen den Bestand, erweitert aber nicht den eigenen Handlungsspielraum. Harbulot insistiert deshalb auf der offensiven Dimension wirtschaftlicher Machtverhältnisse. Das heißt nicht automatisch Aggression im plumpen Sinn. Es heißt zunächst nur, dass man Wirtschaft nicht mehr ausschließlich unter der Perspektive der Reaktion und der Schadensabwehr begreift.
Die vielleicht stärkste Aussage des Interviews liegt aneiner anderen Stelle. Harbulot spricht von einer culture civile du combatéconomique. Dieser Ausdruck ist entscheidend. Wirtschaftskrieg ist für ihn eben nicht nur eine Angelegenheit von Armeen, Geheimdiensten und Staaten. Er betrifft Unternehmen, Märkte, Standards, Daten, Plattformen, Wissensbestände,Lieferketten, Narrative und Formen der Einflussnahme. Darin liegt die eigentliche Modernität seiner Position. Er verschiebt die Frage der Macht aus dem engeren Raum der Staatsräson auf die Ebene organisationaler Handlungsfähigkeit.
Gerade deshalb ist die zivile Ausrichtung der École deGuerre Économique so bemerkenswert. Sie ist nicht neutral. Sie ist sichtbar französisch geprägt, souveränitätsorientiert und von wirtschaftlichem Patriotismus durchzogen. Aber sie ist auch nicht einfach zynisch. Sie entsteht aus der Überzeugung, dass eine Demokratie ihre Interessen, ihre Infrastrukturen und ihre Unternehmen nicht schutzlos lassen darf, wenn andere Akteure Wirtschaft längst als Machtmittel benutzen. Die zivile Form der EGE bedeutet daher nicht Entschärfung, sondern Ausweitung. Sie sagt: Das ökonomische Machtfeld beginnt nicht erst bei militärischer Eskalation. Es beginnt dort, wo Unternehmen lernen müssen, ihre Umwelt anders zu lesen.
Damit ist auch die Frage berührt, warum eine Demokratie sich überhaupt auf einen solchen Begriff einlassen sollte. Die Antwort kann nicht sein, dass sie selbst amoralisch werden müsse. Sie kann auch nicht darin liegen, die Sprache des Krieges unreflektiert zu übernehmen. Aber sie mussan erkennen, dass demokratische Ordnungen nicht allein dadurch bestehen, dass sie normativ überlegen sind. Sie bestehen nur dann, wenn sie ihre materiellen, institutionellen und ökonomischen Voraussetzungen sichern können. Dazu gehört die Fähigkeit, Abhängigkeiten zu erkennen, Angriffsflächen zu benennen und Unternehmen nicht nur effizient, sondern handlungsfähig zu machen.
Hier wird eine wichtige Erkenntnis formuliert. Ein Unternehmen darf heute nicht mehr nur als Organisation betrachtet werden, die auf einem im Wesentlichen funktionierenden Markt Güter und Dienstleistungeneffizient produziert. Es bewegt sich in Machtfeldern. Mehr noch: Es erzeugt selbst Machtfelder. Es bindet Kunden, schafft Standards, kontrolliert Schnittstellen, formt Lieferbeziehungen, setzt rechtliche oder technische Bedingungen und wird zugleich selbst in größere Abhängigkeitsverhältnisse hinein gezogen. Wer diese Machtförmigkeit des Wirtschaftens nicht sehen will und vor allem nicht begreifen möchte, bleibt nicht unschuldig, sondern blind.
Das gilt besonders für unser Machtbewusstsein inDeutschland. Unternehmen handeln selbstverständlich längst mit Macht. Sie verhandeln Standards, bauen Lieferketten, schützen geistiges Eigentum, nutzen Vertragsasymmetrien, betreiben Lobbying, schaffen Plattformabhängigkeiten oder technische Lock-ins. Aber sie sprechen selten in dieser Sprache über ihr eigenes Tun. Macht erscheint dann als Markt, Einfluss als Governance,Abhängigkeit als Risiko, strategische Asymmetrie als Compliance-Thema.Vielleicht liegt genau darin ein Teil des Problems. Es fehlt oft nicht an faktischer Machtpraxis. Es fehlt an der Begrifflichkeit, sie als Macht zuerkennen. Vor allem aber fehlt häufig die Bereitschaft, sie als Gestaltungspotenzial zu nutzen.
Harbulot ist deshalb nicht nur für Staaten interessant. Harbulo ist interessant, weil er den Denkraum und damit die Entscheidungslogik und-möglichkeiten von Unternehmen erweitert. Er zwingt dazu, Entscheidungslogiken nicht nur unter dem Gesichtspunkt von Effizienz, Preis, Innovation oder Risikozu betrachten, sondern auch unter dem Gesichtspunkt von Einfluss, Vetomacht,Verwundbarkeit und Gegenmacht. Das ist keine kleine semantische Verschiebung. Es ist eine andere Art, Wirklichkeit zu lesen.

Und genau an dieser Stelle kehren für mich zwei ältere politische Tugenden zurück: Klugheit und List.
Klugheit ist die Fähigkeit, eine Lage richtig zu beurteilen. Sie erkennt Möglichkeiten, Grenzen, Abhängigkeiten, verdeckte Motive und die Form eines Konflikts. List ist nicht dasselbe wie Betrug. Sie ist eine Form der Klugheit unter Bedingungen strategischer Gegnerschaft. Sie beginnt dort, wo direkte Offenheit zur Verwundbarkeit wird und wo ein Akteur seine Handlungsfähigkeit nur bewahren kann, wenn er nicht vollständig lesbar und nicht vollständig ausrechenbar ist.
Das ist für demokratische Ordnungen ein heikler Punkt. Denn sie dürfen ihre eigenen normativen Grundlagen nicht preisgeben. Aber gerade deshalb müssen sie lernen, zwischen Moral und Naivität zu unterscheiden. Eine Demokratie, die ihre Werte nicht strategisch schützt, überlässt sie jenen, die sie längst als Hebel gegen sie benutzen. Die Rückkehr der Klugheit und der List bedeutet also nicht die Preisgabe des Wertekanons. Sie bedeutet, die Bedingungen seiner Möglichkeit wieder ernst zu nehmen.
Vielleicht liegt darin die wichtigste Lehre, die man heuteaus Harbulot ziehen kann. Unternehmen brauchen nicht nur Schutz. Sie brauchen eine Sprache, mit der sie Märkte, Technologien, Kunden, Wettbewerber und politische Umwelten als Machtfelder lesen können. Sie brauchen einen erweiterten Denkraum. Und sie brauchen Entscheidungsarchitekturen, die nicht nur auf Effizienz reagieren, sondern die eigene Handlungsfähigkeit unter Bedingungen von Gegnerschaft sichern und vor allem sichern wollen.
1997 standen die Zeichen auf Globalisierung und Netzwerkgesellschaft. Vielleicht war das nicht falsch. Aber es war unvollständig. Die Gründung der École de Guerre Économique erinnert daran, dass Vernetzung nie nur Kooperation bedeutet. Sie bedeutet immer auch die Möglichkeit zur Abhängigkeit, zur Einflussnahme und zur Schwächung.
Die offene Frage ist deshalb nicht mehr, ob Wirtschaft Macht bedeutet. Die offene Frage ist, ob wir schon wieder gelernt haben, in dieser Sprache zu denken.
Star Alliance, Unternehmensgeschichte und Gründung 1997. ( Star Alliance)
École de Guerre Économique, Geschichte der Schule undGründung 1997. (Ecole de Guerre Economique)
Henri-Martre-Bericht Intelligence économique et stratégiedes entreprises, offizieller Bericht des französischen Planungsapparats. (Vie Publique)
Reuters zur aktuellen Hormus-/Kerosin-Krise in Europa, 14.April 2026. (Reuters)
Interview: Christian Harbulot – La Guerre Économique au XXIesiècle (Youtube)
Markt & Kunde: Wir wollen in einen neuen Markt eintreten – aber wir wissen nicht, wie dort Entscheidungen wirklich getroffen werden.
Angebot & Value Proposition: Wir haben ein starkes Produkt oder einen neuen Service, aber wir verstehen nicht, warum Kunden sich dafür entscheiden – oder dagegen.
Wachstum im Bestand: Unsere Lösung wird gekauft, aber die Nutzung oder Ausweitung beim Kunden stockt – ohne klaren Grund.
Organisation & Abstimmung: Strategie, Vertrieb, Marketing und Produktentwicklung arbeiten intensiv, aber nicht mehr aus einem gemeinsamen Entscheidungsbild heraus.
Transformation & Stakeholder: Wir stehen vor einer größeren Transformation oder Investition und wissen nicht, wie relevante Stakeholder darauf reagieren werden.

